1. Auflage 2025
Text: Copyright ©Aina Koregard
Cover und Illustrationen: Copyright ©SWIKART, Bielefeld
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt
Hardcover ISBN: 9783769308495
Paperback ISBN: 9783769350029
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Seite 262-280
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Samstag, eine Woche später, Choi, Jasi und Kyr wollten gerade das Haus der Eisenschmidt-Huhns verlassen, da wartete ein kleiner Trupp des Orakelteams freudig strahlend auf die Kinder:
„Los geht es! Wir wollen mit der U-Bahn fahren!“, rief Unterhosen-Flax mit Sivoobal im Schlepptau.
Kyr und die anderen beiden waren nicht gerade hocherfreut:
„Oh, Flax! Warum bist du nicht mit den anderen sicher von HolzuHol gereist? Weiß Fleißig Bescheid? Er macht sich sicher endlos Sorgen, weil du uns beim letzten Mal ausgetrixt hast und wir Schwierigkeiten hatten, dich aus dem Waggon wieder raus zu kriegen. Das klappte nur durch Hees Freundinnen und Hee ist jetzt gar nicht…“
Da erschien Hee mit Simi, beide mit spitzen Mündern und Stirnfalten, die dieses Mal eher nach Sorgenfalten aussahen.
„Wir kommen sicherheitshalber mit. Hat Fleißig gesagt. Sie haben ja hoch und heilig versprochen, bei euch in den Kapuzen sitzen zu bleiben und keine Extratouren zu machen. Ich weiß nicht, warum Fleißig ihnen das erlaubt hat. Vielleicht ist er froh, dass er sie dann nicht beisammenhalten muss“, sagte Simi leicht genervt.
„Ich bleibe dieses Mal auch in der Kapuze, weil die Winde von der falschen Richtung wehen und ich dann nicht pünktlich am Michel wäre“, sagte Hee. Alle wussten, dass das nicht stimmte und dass sie es bestimmt hasste, als Windfee in einer Kapuze zu verharren, noch dazu in einem großen metallenen Ding. Sie sah jetzt schon etwas blass aus.
„Das wird dir gefallen. Brauchst nichts zu tun und fährst so schnell wie der Wind“, beruhigte Simi sie einfühlsam.
„Schneller!“, rief Flax begeistert und beruhigte sich gleich wieder notgedrungenermaßen, weil Jasi ihn streng ansah.
„Na gut“, sagte Choi, als er sah, dass es sich offensichtlich um eine unabänderliche Tatsache handelte, und seufzte:
„Okay. Wir versuchen es. Aber nur noch dieses eine Mal!“
Schwups waren sie alle vier auf die Kapuzen verteilt. Flax bei Choi, Sivoobal bei Kyr und die beiden Feen bei Jasi.
Flax und Sivoobal benahmen sich vorbildlich. Vom Bus, in die U-Bahn, in die S-Bahn, was sie natürlich sehr aufputschte, aber sie rissen sich zusammen. In Barmbek trafen sie sich mit Alena im ersten Abteil der U-Bahn. Über die im Bus der Beifußens gefundenen Brücken hatten sie schon geskypt. Die Elbbrücke, die Überseebrücke und die Köhlbrandbrücke hatte sie auch schon überlegt. Wie besprochen wollten sie als erstes zum Michel, dann nach der Brücke über der Brücke bei den Brücken suchen, die die Speicherstadt mit der Hafencity verbanden. Dann zur Rickmer Rickmers…
Falsch gedacht.
Die beiden Kobolde wurden immer unruhiger und prompt, kaum, dass sie gemeinsam aus der U-Bahn beim Rödingsmarkt ausstiegen, um zum Michel hochzugehen, schwangen sich die beiden in null-komma-nichts auf das Dach der U-Bahn. Die vier Kinder, zack, wieder in den Waggon, Türen zu. U-Bahn fuhr los.
Über ihnen ein wildes Gegröle. Ununterbrochene Freudenschreie. So etwas hatten auch die Feen von ihnen zuvor noch nie gehört und machten sich noch mehr Sorgen. Vor allem Simi um Flax, denn er war ein Blätterkobold und große Geschwindigkeiten überhaupt nicht gewohnt.
Und Fleißig war nicht da! Ein Glück, dass keiner der Fahrgäste auch nur andeutungsweise etwas mitbekam.
Nächster Halt, Baumwall.
Die Kinder huschten schnell raus.
„Kommt sofort dort runter!“, rief Choi ernst.
„Ihr habt es hoch und heilig versprochen!“, rief Simi mit sorgenvoll beleidigter Stimme.
Hee flog nach oben. Flax lag quasi auf dem Dach, während Sivoobal wie auf einem Skateboard stand, bereit zur Abfahrt.
„Sivoobal, es ist zu schnell und dort hinten ist ein Tunnel. Flax ist das nicht gewohnt. Ihr hattet euren Spaß. Kommt runter, wir haben unsere Aufgaben!“, bat Hee eindringlich. Der Wind hatte stark zugenommen. Es war eisig kalt. Die Folge war, dass die Kobolde langsamer reagierten.
„Zurücktreten bitte!“, rief es aus dem Bahnhofslautsprecher.
Kurze Verständigung und Kyr und Choi sprangen schnell wieder in den Wagen. Alena und Jasi blieben draußen.
Wieder jubelten sie laut, als die Fahrt losging und die U-Bahn über die Metallbrücken parallel zu den Landungsbrücken laut quietschend dahinjagte. Die beiden waren völlig aus dem Häuschen. Kyr und Choi waren vollkommen ratlos, wie sie sich verhalten sollten. Sie konnten die Ätherischen ja noch nicht einmal einfangen. Hee unterdessen flog mit all ihrer Kraft gegen die Winde neben dem Zug her und rief verzweifelt, sie sollten doch bei der nächsten Haltestelle herunterkommen. Und sie rief nach ihren Schwestern zur Unterstützung, aber sie kämpfte allein.
Nächste Halt: Landungsbrücken.
Kyr und Choi sprangen hinaus und mahnten die beiden Kobolde zur Einsicht und herunter zu kommen. Hee flog um die beiden mit einem panischen Gesichtsausdruck, weil die Tunnelöffnung schon zu sehen war.
„Tunnel. Okay. Dann fahren wir hier oben hin und her. Komm Flax. Wir schwingen uns auf die andere U-Bahn, die wieder zurückfährt. Ist das ein Fest!“, rief Sivoobal und der Gegenzug war im Anrollen.
„Das ist absolut fasching! Sag das deiner Freundin. Ihr gönnt uns nur nicht unseren Spaß, ihr Angsthäschen!“, rief Flax, während er sich auf den langsam einfahrenden Gegenzug hinüberschwang.
Rasch sprangen Kyr und Choi die Treppen runter und hoch zum anderen Bahnsteig. Sie schafften es gerade noch, in den Zug zu springen.
Hee flog hinterher, wieder gegen eisige Winde. Verzweifelt flog sie auch auf das U-Bahn-Dach. Doch da sie die Winde dort oben nicht kannte, wurde sie plötzlich aufgewirbelt und fiel nach hinten weg.
Sivoobal und Flax, die sie bis jetzt noch vor lauter Kraft und Übermut ausgelacht hatten, als sie versuchte, einen sicheren Platz zum Mitfliegen auf dem Dach zu finden, waren abrupt still. Beinahe wäre Sivoobal auch heruntergefallen, da er kurz unachtsam gewesen war und seine Energien falsch verteilt hatte.
„Wo ist sie?“, sagte Sivoobal aschfahl. So, wie Flax.
Der Zug fuhr in die nächste Haltestelle ein. Baumwall. Kyr und Choi sprangen raus. Jasi, Alena und Simi warteten schon mit einem P auf der Stirn.
Flax und Sivoobal kamen unerwartet freiwillig ganz artig vom Dach.
„Wo ist Hee?“, fragte Alena Unheil ahnend. Simi weinte.
„Sie, sie, sie ist irgendwie weggeflogen“, stotterte Flax.
„Wie, sie ist bestimmt nicht einfach weggeflogen? Diese zarte Fee ist wegen euch mitgeflogen! Sivoobal, wo ist Hee?“, schrie Kyr den Wipfelkobold an.
Die U-Bahn fuhr los.
„Sie ist da vorn in der Kurve irgendwie runtergeflogen, hinter solch einem Turm“, sagte Sivoobal schuldbewusst. „Ich schwinge mich sofort dorthin und suche sie. Sie kann ja nicht weg sein. Nicht, nicht so schnell. Komm Flax! Wir suchen sie und bringen sie zurück“, sagte Sivoobal mit leicht bewegter Stimme und schon sprangen die beiden Kobolde auf das Brückengeländer und eilten davon.
„Niemals auf die Schienen! Kommt am besten runter von der Brücke! Wenn ein Zug kommt, gut festhalten, die Winde sind sehr stark!“, riefen die Kinder ihnen nach. Sie rannten schnell die Treppen hinunter und die Straße entlang, die Brücke im Visier. Sie rannten und rannten.
Da entdeckten sie Sivoobal und Flax. Bei den beiden sahen sie eine große Bö von Windfeen, die langsam um eine kleine blaue Fee herumwehten. Sie lag bewusstlos auf dem schmalen Grünstreifen zwischen den parkenden Autos und der Straße. Simi schluchzte laut auf.
Die Windfeen summten einen monotonen Singsang und schirmten jeden Wind von ihr ab.
Sivoobal redete in einer Tour auf sie ein:
„Kleine, süße Fee. Süßeste Fee überhaupt. Komm‘ zurück. Es tut mir so leid! Ich tu es nie wieder. Komm zurück. Ich gehe auch sofort in unseren Wald zurück und verlasse ihn nie wieder und warte immer auf dich, wenn du von deinen Streifzügen zurückkommst und uns davon erzählst. Hee, Hee. Bitte. Wach auf!“ Sivoobal schluchzte herzergreifend.
Simi und Flax knieten daneben.
„Warum seid ihr nicht vom Dach runtergekommen? Warum habt ihr uns nicht gehört? Warum nur?“, fragte Simi. Sie sah Flax traurig an und schluchzte weiter.
Den Kindern war so schwer ums Herz. Kyr kniete sich zu Hee und strich mit seiner Hand über den kleinen Ätherkörper. Danach taten es Choi und Alena und Jasi. Jasi hielt ihre Hände noch ein wenig länger.
Jeder sagte liebe Worte zu ihr und bat sie aufzuwachen.
Ihre Schwestern summten einen anderen Singsang.
Sivoobal hielt ihre kleinen zarten Hände mit den schmalen langen Fingern und streichelte ihre Flügel glatt. Immer wieder.
„Wir müssen nach Hause. Zur Waldfee. Nur sie kann ihr helfen. Wir brauchen einen Hollerbusch. Ich weiß nicht, wo hier in der Stadt Älteste der Folks sind“, sagte Sivoobal verzweifelt.
„Wozu?“, hörten sie über sich.
„Koboldältester Waage! Wie gut, dass du hier bist! Wie gut, dass du uns gehört hast! Kannst du uns helfen?“, rief Jasi.
„Wozu diese Aufregung? Wozu die Kette des Ärgers? Sie ist unnötig“, sagte der Koboldälteste und schrumpfte zusammen, dass sein Fransenumhang auf dem Parkplatz schliff, wo gerade kein Auto stand.
Die Windfeen öffneten den Kreis um Hee und ließen den Ältesten nach Hee sehen. Doch er berührte sie nicht, sondern Sivoobal und sprach:
„Brücken sind Verbindungen. Zur Heilung lass dein Herz sprechen. Spüre die Luft um dich herum, spüre die Erde unter euch, spüre den zarten Wind um deine Fee und um dich und sprich zu ihr durch die warmen Worte deines Herzens. Denn diese Brücke hast du zerstört. Diese Brücke kannst nur du wieder aufbauen und dann warte auf sie.“ So sprach er, blinzelte mit seinen kristallisch funkelnden Augen den Kindern zu, wuchs in die Höhe bis zur Brücke und war augenblicklich wieder aufgelöst.
„Danke!“, rief Choi ihm nach.
„Ihr seid nah und doch noch weit weg“, hörten sie es flüstern.
Unterdessen war es um Sivoobal ganz ruhig geworden. Er war mit geschlossenen Augen vollkommen auf Hee konzentriert und die Kinder wurden Augenzeuge eines Wunders.
Ein Licht zwischen den beiden entstand, zunächst ein zarter Faden, dann mehrere zarte Fäden, die zum Schluss verschmolzen.
Zartrosa.
Da öffnete sie die Augen.
Und lächelte.
„Wir sind an unserer ersten Brücke. Der Überseebrücke! Gleich hier“, sagte sie freudig, als wäre nichts gewesen.
Sivoobal kam wieder zu sich. Er war überglücklich.
„Ihr seid wieder runter vom Dach. Ein Segen“, sagte sie und sah Sivoobal liebevoll an. Vollkommen ohne Vorwurf.
„Ich tu so etwas nie wieder, kleine Fee. Ich bin so froh, dass du wieder bei uns bist. Ich dachte schon, du gehst zurück… zu Frau Holle“, sagte Sivoobal. Seine Augen sahen verwaschen aus.
„Danke Hee, dass du uns gerettet hast, vor dem Tunnel. Das hätten wir nicht geschafft und ich wäre auch beinahe abgeschmirgelt. Danke Hee. Es tut mir sehr leid“, sagte Flax aufrichtig.
„Dann lasst uns doch rasch zur Überseebrücke und anschließend zum Michel. Die anderen werden sich schon wundern, warum wir nicht kommen“, sagte Hee fröhlich.
Die anderen waren irritiert und glücklich zugleich, dass es ihr plötzlich wieder so gut ging. Sie konnten es noch gar nicht glauben.
Hee verabschiedete sich von ihren Freundinnen, die sie wohl abgefangen hatten, als sie vom Dach der U-Bahn heruntergewirbelt wurde, und bedankte sich. Eine Windfee flüsterte ihr noch zu:
„Wir waren es nicht allein, die dich gerettet haben. Er hat dir von seinem Herzensäther abgegeben“, dabei nickte sie in Sivoobals Richtung. Hee sagte dazu nichts, denn sie wollte ihren Freundinnen nicht die ganze wahre Geschichte erzählen, wie es dazu gekommen war.
Jetzt waren ihre Gedanken wieder voll beim Orakelteam und dessen vielen Aufgaben. Sie war wieder putzmunter. Es war, als wäre ihre Energie wieder voll aufgetankt, dem wohl auch so war. Sivoobal dagegen war ganz ruhig. Ungewohnt ruhig.
„Sie hat uns noch nicht verziehen“, sagte Sivoobal traurig aus der Kapuze von Kyr.
„Lasst ihr Zeit. Ich kann sie sehr gut verstehen. Wir haben uns alle sehr große Sorgen gemacht, weil ihr in eurem Geschwindigkeitsrausch nicht ansprechbar wart. Und das schon zum zweiten Mal. Eigentlich sind wir alle sauer auf euch, aber das nutzt nichts, weil wir weiterkommen wollen. Wir sind nur froh, dass es euch allen gut geht und nichts ganz Schlimmes passiert ist“, sagte Kyr ernst.
„Wir werden es wieder gut machen“, sagte Sivoobal.
„Ja“, sagte Flax und nickte ernst.
„Ich komme zu dir in die Kapuze, Simi. Hier am Wasser sind die Winde sehr unruhig und stark. Es macht zwar Spaß, sich mit ihnen treiben zu lassen, aber dann kann es sein, dass ich erst morgen oder später wieder an dieser Stelle vorbeiwehe“, lachte Hee und flog in Jasis Kapuze. Die beiden Freundinnen umarmten sich. Endlich hatte Simi ihre Hee wieder und taute auch langsam von dem Schreck wieder auf.
„Dort ist sie schon“, rief Hee und tatsächlich, da stand es großgeschrieben: Überseebrücke. Diese Brücke war wie die anderen Landungsbrücken auch variabel, weil das andere Ende mit einem schwimmenden Anleger, einem Ponton, verbunden war. Je nach Wasserstandshöhe stieg oder fiel diese Brücke. Sie gingen einmal über die überdachte Brücke bis zum Wasser und auch gleich wieder zurück, da die anderen des Orakelteams ja schon seit geraumer Zeit vor dem Michel auf sie warteten. Außerdem hatte heute kein Kreuzfahrtschiff in Hamburg festgemacht, das sie bestaunen konnten.
„Seht, dort drüben ist die Rickmer Rickmers. Dahin gehen wir nachher. Hier liegt ja alles nah beisammen“, bemerkte Alena.
Sie waren alle froh, zwischen den Häusern abtauchen zu können, da der Wind schon sehr kalt und beißend um die Nasen pfiff.
Vor dem großen Tor zum Michel warteten sie auch schon: Fleißig, ReimHein, Egal und Luli. Gänseblümchenfee war zu Hause geblieben, da sie in diesem wiesenkargen Stadtgebiet und bei diesem frostigen Wetter wohl weniger auf wache Freundinnen treffen würde. Und falls, dann konnte sie ja gerufen werden via HolzuHol.
Auf Fleißigs dreifaches Nachfragen hin erzählten Sivoobal und Flax, was geschehen war. Sie erzählten wahrhaftig alles und zum Schluss, dass es ihnen endlos leidtat und sie hofften, dass Hee und auch Simi, überhaupt alle ihnen beiden bald verzeihen konnten und sie dergleichen nie wieder tun würden. Sie wären ein für alle Mal vom Geschwindigkeitsrausch kuriert. Dass Hee ihretwegen gefährlich hinuntergewirbelt wurde, das würden sie sich niemals verzeihen können. Dieser Schock würde jetzt sehr tief sitzen. Sie dankten der Hilfe des Koboldältesten Waage und der Windfee-Schwestern von Hee.
„Ach, der Koboldälteste Waage hat euch geholfen!“, meinte Fleißig mit erhobener Augenbraue und zupfte nach-denklich seinen Bart. Gestenhand:
„Das will wahrhaftig etwas heißen! Ich hätte euch beide sofort nach Hause geschickt, wenn er sich nicht persönlich eingeschaltet hätte. Er will in jedem Fall, dass die Verbindungen, die wir alle gemeinsam aufgebaut haben, auch gemeinsam weitergeführt werden, ansonsten hätte er sich aus eurem Problem herausgehalten. Das Orakel ist auch ihm ein übergeordnetes Anliegen, wie vielen anderen der Folks. Es ist von großer Bedeutung, was wir alle hier tun und es müsste euch spätestens jetzt klar sein, dass wir eine besondere Verantwortung tragen! Allem voran gilt die Verantwortung eines jeden für sich und damit auch für die ganze Gruppe. Ich glaube, ihr wisst jetzt alle Bescheid.
Hee geht es ihrer Ätherfarbe nach sehr gut, nur Simi sieht noch etwas blass aus. Bleib bitte die ganze Zeit über noch in der schützenden Kapuze von Jasi bis es dir besser geht.
Wenn wir heute Abend wieder zu Hause sind, wird die Waldfee sich um euch kümmern, denn mit diesem schockierenden Erlebnis ist nicht zu spaßen.
So, dann schlage ich vor, dass wir die Kapuzen wieder besiedeln. ReimHein, Luli und Egal wollen naturgemäß nicht auf diesen schwindelerregenden hohen Turm, auch nicht in Kapuzen. Das ist ehrlich und auch vollkommen in Ordnung. Keiner soll etwas tun, das sein Ätherwohl gefährdet und damit eventuell auch andere. Ich komme wieder zu dir, Alena. Flax zu Choi. Simi ist bei Jasi. Was ist mit euch beiden?“ Fleißig sah Hee und Sivoobal streng an.
„Die Winde sind sehr gut hier. Seht die Tauben dort. Ich werde ihnen folgen und warte oben auf euch“, sagte Hee und flog zu zwei Tauben und mit ihnen langsam nach oben.
„Ich schwinge mich außen nach oben, das geht prima“, sagte Sivoobal mit mulmigem Gefühl als er Hee nachschaute.
„Haltet alle Augen und Ohren offen auf alles, was ungewöhnlich erscheint“, rief Fleißig ihnen nach.
Als die Kinder durch das große Portal in den Kirchenvorraum gingen, war Sivoobal schon beim Erzengel Michael angelangt, dem Namensgeber der Kirche. Die Kinder nahmen den Fahrstuhl zur Aussichtsplattform. Alle trafen sich oben und waren völlig aus dem Häuschen von diesem spektakulären Ausblick. Nur eisig kalt war es hier.
„Seht nur, dort sieht man sie ganz deutlich – die Speicherstadt und die Hafencity. Und den Hafen. Ist der nicht riesig? Dort hinten ist die Köhlbrandbrücke. Da unten sieht man die drei Masten von der Rickmer Rickmers. Zu ihr gehen wir als nächstes. Oder besser erst einmal die Brücke über der Brücke finden“, so und in dieser Art ging es eine Weile bis Fleißig mahnte:
„Kinder, ist ja alles schön und gut, aber wir machen hier keine Besichtigungstour, sondern wir wollen hören und Ausschau halten nach fremden Tönen und wollen daher leise sein und lauschen!“
Also waren sie still und lauschten und schauten sich um. Über ihnen hingen zwei Schlagglocken. Aber sie hörten nur den unglaublich eisigen Wind um ihre Ohren pfeifen. Auch die Ätherischen nahmen nichts Ungewöhnliches wahr.
„Es gibt noch mehr Glocken. Richtig große. Ihr könnt alle die Treppe hinunter gehen und sie euch ansehen. Spektakulär riesig! Vielleicht ist ja eher über die Treppe etwas zu hören“, schlug Sivoobal vor. Die Kinder waren in Null-komma-nichts wieder drinnen, froh, aus dem frostklirrenden Wind heraus zu sein.
Sie gingen nicht ganz die Hälfte der 452 meist metallenen Stufen abwärts da erschloss sich ihnen der Glockenstuhl mit insgesamt sechs übereinander hängenden großen Glocken.
Sie verharrten ganz leise. Da, plötzlich aus dem Nichts erschien eine Wichtelfigur mit panischem Winken und Wedeln und rief:
„Rasch, ihr müsst weg hier! Schnell! Lauft und fliegt, so schnell ihr könnt!“
Als hätte sie der Blitz getroffen liefen und sprangen sie die vielen Treppen hinunter. Gerade, als sie die Ebene erreichten, von wo der Fahrstuhl hochführte, da wussten sie, warum dieser sonderbare Wichtel solch einen Alarm geschlagen hatte:
Die Glocken fingen an zu läuten.
„Na, deswegen solch eine Eile? So schlimm ist das nun auch wieder nicht! Und wo ist er jetzt? War es das jetzt?“, meinte Kyr irritiert.
Fleißig antwortete:
„Für euch ist es nicht schlimm, wenn einem die Lautstärke nichts ausmacht. Aber für die Feen und ich muss zugeben, auch für mich, wäre es furchtbar, direkt daneben zu stehen. Auch für Flax und Sivoobal. Wir sind derartigen Lärm nicht gewohnt und müssen unseren Äther erst langsam darauf einstellen. Für die Feen ist das so oder so rein gar nichts.“
„Was meint ihr? Wer es aushalten kann, kann ja wieder hochgehen. Ich bleibe in jedem Fall mit den Feen hier unten. Wir müssen unbedingt mit dem Wichtel sprechen, der uns gewarnt hat. Sonst war der Michel-Besuch umsonst“, meinte Jasi. Da hörten sie ein Orgelspiel.
„Ich gehe mit Hee und Simi soweit es geht hinunter zu ReimHein, Luli und Egal und lausche der Orgel von draußen. Wir warten auf euch. Geht rasch hoch. Vielleicht erscheint er nur, wenn die Glocken läuten…!“, drängelte Jasi.
„Ja, du hast recht, Jass. Wer kommt mit?“, fragte Choi. Flax wollte auch lieber nach unten.
Alena mit Fleißig, Kyr mit Sivoobal und Choi liefen wieder die Stufen hoch. Fleißig und Sivoobal hatten beide ihre Mützen über die Ohren gezogen, wobei Sivoobal seine großen spitzen Ohren hatte einklappen müssen. Das dämpfte etwas und machte es für die beiden erträglicher. Nach hundert Stufen holten sie kurz Luft und gingen weiter. Die Glocken verklangen schon langsam. Mit dem letzten leichten Schlag erreichten sie wieder den Glockenstuhl.
Dann wurde es leise. Kein fremdes Geräusch.
„Glockenwichtel! Wo finden wir dich!“, fragte Fleißig Richtung Glocken und fügte noch ein „Hummel, Hummel!“ einer Eingebung folgend hinzu. Da saß er auch schon, auf der obersten Glocke, rutschte und schwang von einer über die andere langsam nach unten mit einem langgezogenen:
„Moooooin! Moooooin!“ bis er vor Fleißig landete. Die beiden begrüßten einander traditionell mit zweimaligem Anstoßen der Bäuche und, das war hier eine Besonderheit, mit dem zweimaligen Überkreuzen von Fleißigs praktischem Klappspaten mit einem ungewöhnlichen Hammer, der ganz aus Metall war. Auch der Glockenwichtel selbst hatte eine ungewöhnliche Ätherfarbe, metallisch, bronzen, wie die Glocken, nur durchsichtig.
„Ich habe es läuten hören, dass ich Besuch bekomme. Ich bin der Glockenwichtel Klöppel und bin der, der sie, die keiner kennt, schon gehört hat. In Abständen. Gesehen habe ich noch keinen“, redete Klöppel gleich munter drauf los.
„Klöppel, alter Wichtelbart! Das nenne ich eine gute Neuigkeit! Was haben sie gesagt? Woher kommen sie? Wann tauchen ihre Stimmen auf? Können meine Freunde und ich sie auch zu Gehör bekommen?“, fragte Fleißig ungewöhnlich viele Fragen. Normalerweise war er derjenige, der für die Antworten zuständig war.
Glockenwichtel Klöppel setzte sich auf eine Stufe und sprach:
„Denn mal schöön der Reihe nach:
Erstens: Gesagt haben sie nichts. Keine Worte. Es ist eine Art SingSang in sehr hohen Tönen. Ich habe ein gutes Gehör, wisst ihr. Das muss ich haben, denn es ist meine Aufgabe, die Glocken zu hüten und ständig zu prüfen, ob der Ton noch stimmt. Der feinste Haarriss im Metall kann den Ton verfälschen. Ich prüfe es mit meinem Klöppelhammer, den ich eigens aus weichem Eisen dafür geschmiedet habe. Der Klöppel darf nicht härter sein als die aus Bronze oder Guss-stahl gegossene Glocke…“
Fleißig räusperte sich dezent und Klöppel lachte:
„Ach, alter Wichtelbart vom Lande. Es sind gefühlte Jahrhunderte her, dass ich einen Wichtelbart
gesehen habe. Höchstens Windfeen kommen mich hier oben besuchen und versüßen mir die Arbeit. Meine Ausbildung machte ich bei einem Wichtelältesten in einer Schmiede. Oft existierte eine Schmiede
über Generationen und so lange blieb ich bei der Schmiede. Als eine alte Schmiedsfamilie ausstarb und die Schmiede von einem Trunkenbold übernommen wurde, habe ich zu einer Glockengießerei
gewechselt. In Glocken habe ich mich verliebt. Es gibt nichts Aufregenderes als der Moment, wenn der Mantel nach dem Brennen und dem Erkalten vom Metall abgezogen wird und die frisch geborene
Glocke in ihre erhabene Erscheinung tritt. Hier bleibe ich, denn ich glaube fest daran, dass kein Krieg mehr eine Glocke zerstören wird. Ich bin dem Material sehr verbunden und kann mir nicht
mehr vorstellen, ohne es zu leben. Ich würde mich auf der Stelle auflösen…“
Wieder ein Räuspern:
„Nicht auflösen, alter Glockenwichtelbart! Bitte verzeih, aber unsere Zeit drängt etwas, denn die Kinder, die einen Teil des Orakelteams bilden und viele Aufgaben zu lösen haben bis zur nächsten Frühlings-Tagundnachtgleiche…“
Jetzt räusperte sich Choi.
Fleißig zog eine Augenbraue hoch und erklärte:
„Frühlingsanfang ist, wenn Tag und Nacht gleich lang sind, also Frühlings-Tagundnachtgleiche…“
Klöppel grinste sich einen und meinte:
„Na klar. Weiß ich doch. Jedenfalls sollen wir sogar noch zwei weitere Glocken dazubekommen. Schlagglocken wie die, die ihr oben schon bestaunt habt. Sie hängen fest und werden geschlagen, die Stundenglocken. Diese sechs Glocken hier im Glockenstuhl läuten, das heißt sie schwingen durch ein mechanisches Werk und ein Klöppel gibt dann den wunder-vollen Ton…“
„Okay, okay! Ich komme dich besuchen, versprochen, wenn unsere Waldfee ihr Okay gibt!“, hatte Fleißig einen Geistesblitz, um die Gesprächsfreudigkeit seines neuen Wichtelfreundes zu verkürzen. Dieses Drängeln ging ihm auch gar zu sehr gegen seine eigene Natur, die allzu gerne hier den Tag durch neue Fachsimpelei verbracht hätte. Wichtel eben.
„Warum hast du das nicht gleich gesagt“, lachte Klöppel und klopfte Fleißig auf die Schulter, der sich mittlerweile neben ihn auf die Stufe gesetzt hatte. Den Klappspaten hatte er zusammengeklappt und stützte sich darauf, was sehr ulkig aussah.
„Dann kann es ja weitergehen. Gesagt, getan:
Zweitens: Woher sie kommen, das kann ich nicht genau sagen. Dieser Singsang war plötzlich da. Erst einer, dann zwei oder sogar drei verschiedene. Nur hier im Glockenstuhl. Sie reagieren nicht auf mich, wenn ich sie anspreche. Leider. Der Singsang verklingt aber immer Richtung Hafen.
Drittens: Es gibt keine Regelmäßigkeit, dass ich sie höre. Es ist jetzt schon bestimmt hundert Tage her, schließlich meldete es sich gestern wieder. Meist höre ich sie kurz nach dem Glockenspiel. Ich dachte anfangs, die Glocken hätten plötzlich eine längere Ausklingzeit wegen eines stärkeren Temperaturumschwungs, aber mit Temperatur hat es nichts zu tun.
Viertens: Ihr könnt sie vielleicht auch hören, wenn ihr ein gutes Gehör habt. Aber wie gesagt, hundert Tage könnte es wieder dauern…
Fünftens: Jetzt mein Rat an euch: Besucht Herrn Klabauter. Er hat einen sehr feinsinnigen Kontakt in den Hafen. Außerdem ist unser Freund, der Hafenwichtel Spitzhacke, die Nummer Eins in Hafenangelegenheiten. Er kennt die komplette Anlage mit geschlossenen Augen.
Die Windfeen haben mir von ihm vor kurzem ausgerichtet, dass auch er ab und an diesen Singsang hört, aber ebenso nicht weiß, woher er kommt und um wen es sich handelt. Da haben wir absolut keine Ahnung. Tut mir leid, alter Wichtelbart!“
„Das ist die erste direkte Spur, die wir jetzt haben und die haben wir von dir bekommen! Bisher war es nur ein Hörensagen und Ahnungen. Jetzt wird es endlich konkreter. Hab Dank, guter Freund, für deine wertvolle Hilfe“, sagte Fleißig und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Du hast uns sehr geholfen, denn es bestätigt, dass wir zur Rickmer Rickmers müssen, um den Koboldältesten zu finden“, meinte Choi, der Diplomat.
„Das lass denn mal schöön sein, meen Jung!“, sagte der Glockenwichtel mit zwei hochgezogen Augenbrauen. „Wie kommt ihr darauf, dass er unten bei dem alten Frachtsegler anzutreffen ist? In den Museumshafen müsst ihr! Da treibt er sich herum, da hat er sich zur Ruhe gesetzt, so heißt es. Aber hat schon mal einer einen ruhigen Kobold oder gar Koboldältesten gesehen?“, sagte Klöppel und lachte herzlich. Er guckte dabei Sivoobal an, mit hochgezogener Augenbraue, klar, weil dieser es naturgemäß nicht lange an einem Platz aushielt. Zwischendurch hatte er nämlich alle Glocken abgesessen, aber er war dabei leise, sehr leise, ungewöhnlich leise für Sivoobal. Er bemühte sich…
Dann bekam der Glockenwichtel eine ganz sanfte Stimme, die wie verliebt klang und auch wohl war
„Sie sind sehr, sehr schön, diese Stimmen, diese Töne… fast noch schöner als die Glocken! Sie lassen die Zeit einfach stillstehen. Sie machen, dass ich hier nie wieder wegwill. Sie sind magisch und man sehnt sich nach ihnen. Ich wünsche euch allen, dass ihr sie hören werdet und dann werdet ihr mich verstehen. Sie geben mir das Gefühl, dass das, was ich tu, gut ist. Dabei bin ich alles andere als ein Gefühlsdusel, wie die Menschen es sind, entschuldigt, ihr drei. Ist doch so.
Ich habe sogar das Gefühl, als seien es die Glocken, als seien sie dankbar, dass ich für sie da bin. Tss. Gefühlsduselei! So, Schluss damit! Denn muss ich man schöön weiterarbeiten. Viel Glück oder wie die alten Seemänner so sagen: Mast und Schotbruch! Denn bis bald, alter Wichtelbart!“, sagte Klöppel fröhlich, kletterte auf die erste Glocke, zwinkerte einmal und war verschwunden.
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